Skip to content

Gedichte – Top 10

Gedichte die mich prägen – Top 10

Mondnacht
Joseph von Eichendorff

Es war als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blüten-Schimmer
Von ihm nur träumen müsst’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht.
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

In Heidelberg wohnte ich eine Weile ganz in der Nähe vom Eichendorffplatz. Das war die Zeit, als ich mich näher mit Joseph von Eichendorff befasst habe. Dieses Gedicht kannte ich schon vorher aber zu dieser Zeit wurde es mein absolutes Lieblingsgedicht und ist es bis heute geblieben.

Im Nebel
Hermann Hesse

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch, jeder Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als mein Leben noch licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse gehört zu den Autoren und Dichtern, die seit langen Jahren nicht aus meinem Leben wegzudenken sind, die mich prägen und inspirieren. Im Nebel ist nur eines von vielen Hesse-Gedichten, die ich gerne mag und auch auswändig kenne. Es ist aber ein Gedicht, dass mir in Schulzeiten begegnet und sehr wichtig geworden ist, in einer Zeit der Ambivalenz, der Suche nach Abgrenzung und gleichzeitig Gemeinschaft. Daher hat es unter allen Hesse-Gedichten eine besondere Bedeutung für mich.

Der Panther
Rainer Maria Rilke

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke ist der absolute Perfektionist unter den Dichtern des 20. Jahrhunderts. Er hat diesen Anspruch an sich selbst erhoben und ist ihm in seinen Werken gerecht geworden. Bei ihm stimmt einfach alles: Inhalt, Metrum, Stilmittel, Sprache – alles verschmilzt zu einem Gesamtkunstwerk. Jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle, keines ist zu viel, keines kann ersetzt werden. Oft hat er Jahre gebraucht, bis ein Gedicht für ihn “fertig” war und veröffentlicht werden konnte. Rilkes Werke sind die Vollendung der lyrischen Kunst. Da kommt meiner Ansicht nach kein anderer Dichter heran.
Der Panther ist natürlich ein Rilke-Klassiker, der sich in jedem Schulbuch findet, den jeder Schüler irgendwann einmal auswändig lernen musste. Auch mir blieb er zu Schulzeiten nicht erspart und obwohl ich schon immer einen Faible für Gedichte hatte, habe ich ihn damals nicht wirklich begriffen.
Meine Liebe zu Der Panther ist erst sehr viel später erwacht. Als eine Freundin mir erzählte, dass das einzige Gedicht, dass sie sich auswändig gemeirkt hat Rilkes Panther ist. Es war während wir gemeinsam für das zweite Staatsexamen gelernt haben. Sie hat es mir vorgetragen und in diesem Moment hat sich mir der Inhalt vollkommen neu erschlossen. Seither bin ich begeistert von diesem Gedicht, von der Kraft und der Resignation die darin stecken.
Sehr angetan bin ich auch von der Vertonung von Der Panther auf dem Rilke-Projekt-Album Bis an alle Sterne.
Otto Sander spricht hier einen sehr kraftvollen Panther. In Kombination mit der Schönherz&Fleer Komposition dazu, geht dieses Werk einem durch und durch. Hört selbst:
Der Panther

Im Gras
Arno Holz

Schönes,
grünes, weiches Gras.
Drin
liege ich.
Mitten zwischen Butterblumen.
Über mir
warm
der Himmel.
Ein weites, zitterndes Weiß,
das mir die Augen langsam,
ganz langsam schließt.
Nun
bin ich fern von jeder Welt.
Ein sanftes Rot erfüllt mich ganz
und deutlich spüre ich,
wie das Blut mir
durch die Adern rinnt.
Minutenlang
versunken alles.
Nur noch ich.
Selig.

Dieses Gedicht habe ich in einer Zeitschrift in der Unibibliothek gefunden. Ich habe es gelesen und da ich nichts zum Schreiben dabei hatte, musste ich es mir merken. Also habe ich es auswändig gelernt. Ich liebe Naturgedichte und dies ist für mich eines der schönsten.

Dich
Erich Fried

Dich
dich sein lassen
ganz dich

Sehen
dass du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
und das was sich anschmiegen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dich dich sein lassen
ob das schwer ist oder leicht?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht oder Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem -
nach allem
was du ist

Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit

Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer

Dieses Gedicht hab ich gefunden, als ich mir meinen ersten Gedichteband von Erich Fried gekauft habe. Es war auch noch zu Schulzeiten, einer Zeit, in der ich begonnen habe, selbst Gedichte zu scheiben und mich für Gedichte zu interessieren. Damals war es sein wohl berühmtestes Gedicht Was es ist …, das mich auf ihn aufmerksam gemacht hat. Als ich dann Dich gelesen habe, war es klar, dass in diesem Werk genau das steht, was für mich im Zwischenmenschlichen das Wichtigste ist: Dich dich sein lassen …

Über die Erde
Martin Auer

Über die Erde sollst du barfuß gehen.
Zieh die Schuhe aus, Schuhe machen dich blind.
Du kannst doch den Weg mit deinen Zehen sehen
Auch das Wasser und den Wind.

Sollst mit deinen Sohlen die Sterne berühren,
mit ganz nackter Haut.
Dann wirst du bald spüren,
daß dir die Erde vertraut.

Spür das nasse Gras unter deinen Füßen
und den trockenen Staub.
Laß dir vom Moos die Sohlen streicheln und küssen
und fühl das Knistern im Laub.

Steig hinein, steig hinein in den Bach
und lauf aufwärts dem Wasser entgegen.
Halt dein Gesicht unter den Wasserfall.
Und dann sollst du dich in die Sonne legen.

Leg deine Wange an die Erde, riech ihren Duft und spür,
wie aufsteigt aus ihr eine ganz große Ruh‘.
Und dann ist die Erde ganz nah bei dir,
und du weißt: Du bist ein Teil von Allem und gehörst dazu.

Zu diesem Gedicht habe ich einen besonderen Bezug. Es ist mir zufällig begegnet in einem Gedichteband für Kinder, das ich mir im Studium gekauft habe Überall und neben dir, herausgegeben von Hans-Joachim Gelberg. Damals besuchte ich ein Seminar zum Handlungs- und Produktionsrientierten Umgang mit Gedichten in der Grundschule. Aufgabe für den Scheinerwerb war es, eine vollständige Einheit zu besagtem Thema zu planen. Ich stützte meine Einheit auf dieses Gedicht und machte daraus ein fächerübergreifendes Projekt mit allen Sinnen. Mein Dozent war begeistert, für mich gab es Bestnote und ich durfte meinen Entwurf als einzige im Plenum vorstellen. Seither wartet dieser Entwurf leider immern noch auf meiner Festplatte und in meinen Gedanken darauf, einmal wirklich verwirklicht zu werden. Die Gelegenheit ergab sich bisher leider nicht, sie wird aber kommen!

Harte fremde Hände
Hilde Domin

Harte fremde Hände
sollen über mich fahren
wie Pflüge
und deine Wurzeln zerreißen.
Ich will meinen Körper einreiben
mit fremdem Schweiß
wie mit einer beizenden Salbe
daß alle Poren vergessen
wie du riechst.
Haare ohne Namen
sollen auf meiner Haut liegen
wie Tannennadeln auf dem Waldboden,
andere Lippen die Augen küssen
die für dich weinen.

Und meine Seele, die dich sucht
so natürlich
wie abends ein Vogel über das Meer fliegt,
verliert die Richtung
und kommt
nie wieder an Land.

Mit Hilde Domin habe ich mich erst in den letzten Monaten verstärkt befasst. Irgendwann wurde mir bewußt, dass sich meine lyrischen Antennen eher nach männlichen Dichtern ausstrecken. Im Deutschen Schriftstellerforum, in dem ich ab und zu aktiv bin, gibt es einen Lyriker, den ich bewundere. Er wiederum bewundert Hilde Domin. So kam ich darauf, mich mit ihr zu befassen. Dieses Gedicht, war das erste ihrer Werke, das mir beim erstmaligen Lesen sofort unter die Haut ging.

Heute und nie wieder
Josef Guggenmos

Es regnet, was es regnen mag.
Es regnet schon den ganzen Tag.
Zwischen Erlenblättern am Bach
sitzen zwei Eintagsfliegen.
Die eine seufzt nur: “Ach!”

Die andere klagt: “O Schwester!
Wir leben heute und nie wieder.
Was schickt uns der Himmel hernieder?
Regen, Regen, Traurigkeit.
Wozu sind uns Flügen gegeben?
Wir dürfen nicht tanzen, nicht schweben.
Welch ein verregnetes Leben!”

Aber dann am Nachmittag
wird’s hell, wird’s hell mit einem Schlag.
Da kommt es zu den beiden doch,
das Glück, das Glück, das große Glück.
Sie dürfen tanzen, schweben
ein ganzes Viertelleben noch.

Josef Guggenmos ist vor allem als Gedichteschreiber für Kinder bekannt. Er feht in keinem Deutschlesebuch der Grundschule und hat zu vielen Themen einige witzige, nachdenkliche, spielerische Gedichte geschrieben. Sie gehen dank ihrer Rhythmen schnell ins Ohr, sind leicht zu lernen und die Kinder haben ganz viel Spaß daran. In vielen seiner Gedichte steckt aber mehr als nur Poesie. Es ist oft ein versteckter Witz, erfrischende Wortspielereien oder ein besonderes Gefühl, das sie wecken. Dieses Gedicht mag ich so gerne, weil in dem mürrischen negativ so viel Positivers mitschwingt und nicht zuletzt auch wegen der Contradictio in adjecto am Schluß. Außerdem versuche ich selbst schon seit einer ganzen Weile ein Gedicht über Eintagsfliegen zu schreiben. So schön wie Guggenmos ist es mir bisher aber noch nicht gelungen.

Weihnachtslied
Theodor Storm

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

Ohne dieses Gedicht ist die Weihnachszeit für mich keine richtige Weihnachtszeit. Wenn ich es lese oder mir aufsage, sehe ich mich immer als Kind am Heilig Abend kurz vor der Bescherung. Als erstes gab es immer Bescherung bei der Oma. Überall dort, wo man in den Fenstern die Kerzen am Tannenbaum leuchten sieht, war das Christkind schon da, haben meine Eltern gesagt. Auf dem Weg zur Oma konnte ich also sehen, bei welchem meiner Freunde das Christkind schon da war und dann wurde es spannend. Kurz bevor wir bei der Oma ankamen, machte ich die Augen zu und erst wieder auf, als wir aus dem Auto stiegen. Dann schaute ich zum Fenster und … mir ist das Herz so froh erschrocken

Das Liebesbrief-Ei
Janosch

Ein Huhn verspürte große Lust
unter den Federn in der Brust,
aus Liebe dem Freund, einem Hahn zu schreiben,
er solle nicht länger in Düsseldorf bleiben.
Er solle doch lieber hier – zu ihr eilen
und mit ihr die einsame Stange teilen,
auf der sie schlief.
Das stand in dem Brief.

Wir müssen noch sagen: Es fehlte ihr an gar nichts.
Außer an Briefpapier.
Da schrieb sie ganz einfach und deutlich mit Blei
den Liebesbrief auf ein Hühnerei.
Jetzt noch mit einer Marke bekleben
und dann auf dem Postamt abgeben.

Da knallte der Postmann den Stempel aufs Ei.
Da war sie vorbei,
die Liebelei.

Dieses Gedicht fand ich in einer Fibel. Seitdem führe ich damit den Buchstaben “Ei, ei” ein.
Seitdem liebe ich es.

Share